Die neuen Superhelden: Kommentar

Ein Tag in einer Handywerkstatt

Der wahre Superheld unserer Generation: die Handywerkstatt. Denn ohne das Smartphone könnten wir nichts regeln. fudder-Autorin Laura Wolfert war einen Tag lang in der Freiburger Handywerkstatt Fix Point. Sie hat zugeschaut, wie kleine Welten gerettet wurden: 
Selbst Batman hatte seinen Superhelden. Wenn seine Gadgets kaputt sind, kann er niemanden mehr retten. Nicht mal mehr fliegen. Deshalb besucht er seinen Ingenieur – bekannt als Lucius Fox – und lässt sie reparieren.

„Es ist mir einfach auf den Boden gefallen, dann war es futsch“, sagt ein Mann Mitte 50. Er sieht niedergeschlagen aus. Das Handy auch: Über das Display laufen Risse und tiefe Kratzer – „Spider-App“ sagen junge Leute. „Es ist das Handy meiner Frau. Kann man das noch retten?“

Unsere Generation ist ein bisschen wie Batman. Wehe, das Gadget Nummer Eins – unser Handy – funktioniert nicht mehr. Dann sind wir aufgeschmissen. Der wahre Held, der Lucius Fox unserer Zeit: Das ist die Handywerkstatt. In Freiburg – nicht Gotham City – sind das Johannes Dinges, Oleg Kokorin, Mirtion Gashi und Deha Balkiş. Die vier Männer gehören zu Fix Point, einer Handywerkstatt am Siegesdenkmal.

Johannes nimmt das iPhone des Mannes entgegen. „Er hat sich gestern schon angekündigt, dass er es heute schnell reparieren lassen will“, sagt er. Kein Problem, der 25-Jährige braucht dafür gerade mal zehn Minuten.

Big.fm statt Batmobil

Der Laden hat ein kleines Foyer mit einer Couch. Alles in grün. Hinter der Theke ist abgegrenzt der Reparaturbereich. Viel Platz ist nicht, doch es reicht, um mit einem Bürostuhl entlang der Werktische hin und her zu rollen. In einem Regal liegt alles, was noch bearbeitet werden muss: Notebooks, Laptops, Tablets, Handys.

Dazwischen stehen viele Ordner und eine Kiste mit Schrott: zerstörte Bildschirme und Handyhüllen – sieht aus, als seien es Requisiten-Reste aus dem Film Transformers. Dazu steht in der Ecke noch ein kleiner Kühlschrank, es läuft Big.fm. Zugegeben, ein Batmobil passt hier nicht rein, aber die ganze Sache scheint trotzdem zu funktionieren.

„Wanja“, „Oleg“ und „Miri“: Das steht auf drei Plakaten, die an der Wand kleben. Die i-Pünktchen sind Herzchen – niedlich. Unter den Namen stehen ein paar Notizen. „Wir hatten eine Konferenz und haben aufgeschrieben, was wir noch besser machen können. Schließlich wollen wir noch weitere Filialien von Lörrach bis nach Karlsruhe eröffnen“, sagt Johannes, dessen Namen auf Russisch Wanja heißt. Das Geschäft laufe sehr gut, schließlich kämen viele Kunden aus Luxemburg, Frankreich und der Schweiz.

Nerds: die neuen Mafiosi

Alles ist sauber. Zugegeben hat der Laden – anders als gedacht – mehr Nerd- als Mafiosi-Faktor. Nur die Gangster-Musik aus dem Laptop bestätigt etwas das Klischee, vor dem viele Angst haben: Irgendwelche Jungs, die in ihrem Wohnzimmer an fremden Handys werkeln, den Preis wie auf einem Bazar verhandeln und das geschrottete Smartphone mit Fake-Ersatzteilen noch unbrauchbarer machen, als es sowieso schon ist. Bei Fix Point sei das anders. „Wir sind die Besten“, sagt Johannes.

Der Werkplatz sieht auch nicht nach „Wohnzimmer“ aus: Auf einer ESD-Matte wird das Handy des Mannes bearbeitet. Mehrere Schraubenzieher, Lupen, Lötkolben, Platten und andere Werkstücke sind ordentlich verstaut. Johannes trägt dazu ein ESD-Bändchen mit Kabel, das die Geräte vor Stromschlägen schützt.

Handys im Reis und Bächle

Der Bildschirm des Handys ist kaputt – üblich. Johannes stellt einen Sack Basmati-Reis, eingepackt in eine Plastiktüte, auf den Tisch. „So etwas kam auch schon vorbei.“ Der Kunde hat sein Handy dort verpackt, weil es einen Wasserschaden hatte. Reis entzieht Feuchtigkeit – clever.

Solch abstruse Geschichten kommen häufiger vor. Ein Samsung S6 ist ins Bächle geflogen – wollte wohl einen Freiburger heiraten. Dann kam ein iPhone zur Reparatur vorbei, das gar kein iPhone, sondern ein chinesischer Fake war. Ein Nokia 3310 – aka „das Unkaputtbare Handy“ aus dem Jahr 2000 – liegt ebenfalls noch im Regal „zu erledigen.

Reparieren kann man fast alles. Der neue Bildschirm ist fertig, das Handy gerettet. Der Kunde strahlt, seine Frau wird sich freuen.

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